Ein kleiner Blick durch die Tür des Kugelblitzes.
Aus Kapitel 8 – Die Menschen des Blitzes
Im Kugelblitz warst du nie lange allein – selbst wenn du allein hereinkamst.
Eine Kneipe lebt nicht von Möbeln. Nicht von der Zapfanlage, den Fernsehern oder der Frage, ob die Stühle besonders bequem sind.
Eine Kneipe lebt von Menschen.
Und der Kugelblitz hatte einige davon, die so fest zu ihm gehörten, dass man sie heute kaum vom Laden trennen kann.
Manche waren beinahe immer da.
Andere kamen an bestimmten Tagen oder zu besonderen Anlässen.
Manche prägten den Ton.
Andere die Stimmung.
Aber gemeinsam machten sie aus dem Blitz etwas, das größer war als seine Quadratmeter.
Frank und Gabi
Zur Freitagsrunde gehörten über viele Jahre Frank und Gabi.
Frank war ursprünglich eine zugezogene Kielersprotte. Inzwischen wäre allerdings kaum noch jemand auf die Idee gekommen, ihn für etwas anderes als einen Herthaner zu halten.
Dafür hatte er zu viele Spiele gesehen, zu viele Diskussionen geführt und zu viele blau-weiße Abende im Kugelblitz verbracht.
Vor allem aber war Frank ein alter Freund von Chris.
Wenn die beiden von früher erzählten, fielen irgendwann zuverlässig dieselben Zahlen:
Vierzig Jahre.
Fünfzig Jahre.
Manchmal klang es beinahe nach einem ganzen Jahrhundert.
So genau wusste das vermutlich keiner mehr. Sicher war nur: Die beiden kannten sich gefühlt schon immer.
Zusammen mit seiner Frau Gabi gehörte Frank zur legendären Freitagsrunde. Ein kleiner, fester Stammtisch aus zwei Pärchen und Chris.
Freitag war Freitagsrunde.
Punkt.
Darüber wurde nicht diskutiert.
Das gehörte zum Wochenablauf wie Hertha zum Wochenende.
Frank war ein großzügiger Mensch. Einer, der gern gab, gern einlud und anderen etwas gönnte.
Nur eine Sorte Mensch konnte er überhaupt nicht leiden:
Schmarotzer.
Wer versuchte, sich dauerhaft auf Kosten anderer durchzumogeln, bekam das von Frank meist ziemlich schnell und ziemlich unmissverständlich gesagt.
Nicht hinter vorgehaltener Hand.
Direkt.
So war Frank.
Gabi war dagegen oft die leisere Kraft.
Hilfsbereit, aufmerksam und mit einem feinen Gespür für Menschen. Sie bemerkte Dinge, die andere übersahen, und war zur Stelle, wenn jemand Unterstützung brauchte.
• • •
Hatte
Wenn ich an die Menschen des Blitzes denke, fällt mir sofort Hatte ein.
Hatte war mehr Typ als manch andere Runde zusammen.
Echt.
Direkt.
Neugierig.
Einer, der sich nicht verbog und seine Meinung auch dann vertrat, wenn sein Gegenüber sie eigentlich gar nicht hören wollte.
Hatte war ein Ossi.
Nicht als Wertung, sondern einfach als Teil seiner Geschichte. So wie sein Humor, seine Reiselust und seine sehr direkte Art.
Er war auch derjenige, der mir völlig losgelöst entgegengerannt kam, als Knut Beyer zum ersten Mal im Kugelblitz auftauchte.
Noch heute muss ich grinsen, wenn ich daran denke.
Hatte konnte sich über manche Dinge freuen wie ein kleiner Junge an Weihnachten.
Und genau das machte ihn so sympathisch.
Überhaupt war er fast immer gut gelaunt, zu Späßen aufgelegt und für jeden Unsinn zu haben.
Gleichzeitig war er ein Abenteurer der alten Schule.
Sein großes Hobby war das Reisen.
Und nicht bloß bis zur Ostsee oder einmal quer durch Brandenburg.
Je weiter weg und je exotischer das Ziel, desto besser.
Mindestens genauso legendär wie seine Reisen war allerdings seine Neugier.
Hatte wollte alles wissen.
Wirklich alles.
Kein Detail war ihm zu klein, keine Geschichte zu belanglos und manchmal auch keine Frage zu persönlich.
Allerdings setzte er hinter seine bohrenden Fragen fast immer denselben Satz:
„Nur wenn du magst.“
Und genau darin lag der Unterschied.
Er fragte aus ehrlichem Interesse.
Nicht fordernd.
Nicht bestimmend.
Nicht, um jemanden bloßzustellen.
Er wollte Menschen verstehen.
Vielleicht mochten ihn gerade deshalb so viele.
Hatte füllte einen Raum nicht durch Lautstärke, sondern durch Persönlichkeit.
Und davon hatte er reichlich.
• • •
Bonny und Joy
Zu den Menschen des Blitzes gehörten auch zwei, die streng genommen gar keine Menschen waren.
Bonny gehörte Rainer, dem Bruder von Gabi.
Und Bonny war im Kugelblitz nicht einfach nur irgendein Hund, der gelegentlich mitgebracht wurde.
Er gehörte zum Bild.
Zum Laden.
Zur Atmosphäre.
Ein Hund in einer Kneipe ist ja selten bloß ein Hund. Er wird beobachtet, begrüßt, gestreichelt und manchmal auch von Leuten angesprochen, die mit Menschen deutlich weniger gesprächig sind.
Bonny war dabei durchaus eigenständig unterwegs.
Er stromerte auch mal draußen herum, als würde ihm nicht nur der Kugelblitz gehören, sondern gleich noch ein ordentliches Stück vom Wedding dazu.
Mal stand er vor der Tür.
Mal war er ein Stück weiter.
Und irgendwann tauchte er wieder auf, als wäre das alles genau so geplant gewesen.
Vielleicht wirkte er gerade deshalb ein bisschen wie ein vierbeiniger Türsteher.
Nicht besonders streng.
Aber aufmerksam.
Und immer mit dem selbstverständlichen Gefühl, dass dies hier sein Revier war.
Joy dagegen gehörte Ralf aus der Dreiergang.
Und Joy war fast immer dort, wo auch sein Herrchen war.
Er wich Ralf so gut wie nie von der Seite und gehörte dadurch ebenfalls zum vertrauten Bild.
Wenn Ralf da war, war Joy meist nicht weit.
Die beiden waren beinahe ein festes Doppel.
Bonny, der draußen auch einmal seine eigenen Wege ging.
Joy, der zuverlässig an Ralfs Seite blieb.
Zwei Hunde.
Zwei völlig verschiedene Arten.
Und beide ein Stück Kugelblitz.
Heute sind auch sie nicht mehr da.
• • •
Das waren nur einige der Menschen und Geschichten, die den Kugelblitz zu dem machten, was er war.
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