Die Feder vor dem Fenster

In jener Nacht schlief die Welt beinahe so still, als hätte jemand eine weiche Decke über sie gelegt.

Der Wind hatte sich zwischen den Bäumen zusammengerollt.
Der Mond hing wie eine silberne Laterne über den Dächern.
Und selbst die Sterne schienen nur noch ganz leise zu funkeln, damit niemand unter ihnen davon wach wurde.

Niemand – außer Chrisyi.

Chrisyi lag in ihrem Bett, die Decke bis zur Nasenspitze gezogen, und lauschte.

Da war ein Geräusch.
Ganz zart.

Tipp.

Chrisyi blinzelte.
Vielleicht war es nur ein Ast gewesen.

Tipp. Tipp.

Nun setzte sie sich auf.
„Chrissii?“, flüsterte sie.

Im Bett auf der anderen Seite des Zimmers bewegte sich nichts.
„Chrissii-Schatz?“
Ein leises Brummen kam unter der Decke hervor.
„Wenn das Zimmer nicht brennt“, murmelte Chrissii schläfrig, „kann es bestimmt bis morgen warten.“

Chrisyi sah zum Fenster.

Tipp.

„Das Fenster klopft.“
Unter Chrissiis Decke wurde es still.
Dann schob sich ein zerzauster roter Haarschopf hervor.
„Fenster klopfen nicht.“

Tipp. Tipp.

Chrisyi hob die Augenbrauen.
„Dann weiß unser Fenster das offenbar nicht.“
Chrissii setzte sich auf und rieb sich die Augen. Sie war die Ältere von beiden und deshalb fest davon überzeugt, dass sie vernünftig sein musste.
Meistens gelang ihr das auch.
Nur nicht immer, wenn Chrisyi dabei war.
Gemeinsam schlichen sie zum Fenster.

Draußen war nichts zu sehen.

Kein Vogel.
Kein Ast.
Kein kleiner Nachtgeist, der sich in der Adresse geirrt hatte.

„Siehst du?“, flüsterte Chrissii. „Nichts.“

In diesem Augenblick stieg etwas langsam am Fenster empor.

Es schwebte nicht wie ein Blatt.
Es flatterte auch nicht wie ein Schmetterling.
Es glitt einfach nach oben, als würde ein unsichtbarer Faden es durch die Nacht ziehen.

Eine Feder.

Sie war klein und fein, und ihr Schaft leuchtete golden. An ihrer Spitze tanzte ein winziger Lichtpunkt, der aussah, als hätte ein Stern einen Funken verloren.
Chrisyis Augen wurden groß.

„Ooooh.“

Chrissii legte den Finger an die Lippen.
Die Feder tippte ein weiteres Mal gegen die Scheibe.

Tipp.

„Vielleicht möchte sie herein“, sagte Chrisyi.
„Vielleicht sollten wir Mama Ashera wecken.“

„Dann ist die Feder vielleicht weg.“