Das Reich der Wünsche
„Wo Sterne in den Wurzeln wohnen
und Licht auf den Wiesen tanzt,
beginnt die Reise, die Herzen führt.“
Als Ashera, Chrissii und Chrisyi durch das Tor aus Licht traten, fühlte es sich an, als würden sie für einen Augenblick durch einen Traum fallen.
Es gab keinen Boden unter ihren Füßen, keinen Himmel über ihren Köpfen und kein Geräusch außer dem leisen Schlagen ihrer eigenen Herzen.
Dann berührte Asheras Fuß weiches Gras.
Das Licht hinter ihnen erlosch.
Für einen Atemzug standen sie schweigend da.
Vor ihnen lag eine Welt, wie keine von ihnen sie je gesehen hatte.
Inseln schwebten hoch über der Landschaft, getragen von Wolken, die wie silberne Tücher unter ihnen lagen. Auf manchen ragten schlanke Türme empor, deren Spitzen die Sterne zu berühren schienen. Von anderen stürzten Wasserfälle in die Tiefe, doch statt auf die Erde zu fallen, lösten sie sich in Tausende glitzernde Tropfen auf und stiegen wieder zum Himmel empor.
Flüsse aus Licht zogen sich durch die Wiesen.
Sie glitten nicht wie Wasser dahin, sondern wie flüssige Gedanken. Manchmal leuchteten sie golden, dann wieder blau oder violett, und wenn sich ihre Farben veränderten, erklangen leise Töne, als würden unsichtbare Hände über die Saiten einer Harfe streichen.
Überall wuchsen Blumen, deren Blüten in der Dämmerung schimmerten. Einige öffneten sich, sobald Ashera und ihre Töchter an ihnen vorbeigingen. Andere schlossen ihre Blätter schüchtern, wenn man sie zu lange betrachtete.
Chrisyi kniete sich neben eine kleine weiße Blume.
Kaum beugte sie sich zu ihr hinab, begann die Blüte zu leuchten.
„Sie kennt mich“, flüsterte Chrisyi.
„Oder sie ist einfach nur neugierig“, sagte Chrissii.
Die Blume drehte sich zu Chrissii und sprühte ihr einen winzigen goldenen Funken auf die Nasenspitze.
Chrisyi lachte.
„Sie mag dich.“
Chrissii wischte sich den Funken von der Nase, doch auch sie musste lächeln.
Ashera sah sich staunend um.
Nicht weit von ihnen erhoben sich hohe Bäume mit silbernen Stämmen. Ihre Wurzeln lagen offen über dem Boden, und tief zwischen ihnen glommen kleine Sterne. Manche funkelten still, andere wanderten langsam durch das Wurzelwerk, als suchten sie nach einem neuen Platz am Himmel.
„Die Sterne wohnen hier wirklich in den Wurzeln“, sagte Chrissii leise.
Über ihnen bewegten sich die Blätter der Bäume, obwohl kein Wind ging. Sie bestanden nicht aus Grün, sondern aus feinem Sternenstaub. Bei jeder Bewegung lösten sich winzige Lichtpunkte aus den Kronen und schwebten zu Boden.
Einer davon landete auf Asheras Hand. Er war warm.
Nicht heiß wie Feuer, sondern warm wie eine Erinnerung an einen glücklichen Tag.
„Es ist wunderschön“, sagte Chrisyi.
Ashera nickte.
Doch während sie die Landschaft betrachtete, spürte sie, dass etwas nicht stimmte.
Es war nur ein leises Gefühl.
Ein kaum wahrnehmbares Ziehen im Herzen.
Wie ein Lied, in dem ein einziger Ton fehlte.
Am Rand der Wiese standen weitere Blumen, doch ihre Blüten leuchteten nicht. Ihre Köpfe waren gesenkt, und auf ihren Blättern lag ein grauer Schimmer.
Hinter ihnen kroch ein Schatten über das Gras.
Er hatte keine feste Gestalt. Mal war er dünn wie Rauch, mal breit wie ein dunkler Strom. Wo er vorüberglitt, wurden die Farben blasser.
Ein goldener Schmetterling geriet an seinen Rand.
Sofort verlor er seinen Glanz.
Seine Flügel wurden durchsichtig, und er sank lautlos zu Boden.
Chrisyi lief zu ihm und hob ihn vorsichtig auf.
„Mama …“
Ashera legte einen Finger an den kleinen Körper des Schmetterlings.
Noch lebte er.