Der blaue Faden der Zeit

Aus Kapitel I: Frühe Stunden in der Uhrmacherwerkstatt

Die Nacht war beinahe vorüber.

Noch stand der Mond rund und hell vor dem Fenster, doch an seinem unteren Rand lag bereits jener blasse Schimmer, der verriet, dass irgendwo hinter den Hügeln der Morgen auf seinen Auftritt wartete.

Die Stadt schlief.

Kein Wagen rumpelte über das Pflaster, kein Händler rief seine Waren aus, und selbst die Dächer lagen still unter dem silbrigen Licht.

Nur in der kleinen Uhrmacherwerkstatt am Ende der Gasse brannte noch immer eine Lampe.

Und die Uhren waren wach.

Sie tickten von den Wänden, aus den Regalen und von den schmalen Brettern über dem Kamin. Manche hastig, als fürchteten sie, die Zeit könne ihnen davonlaufen. Andere langsam und würdevoll, als hätten sie in ihrem langen Leben bereits begriffen, dass es keinen Sinn hatte, sich mit ihr zu beeilen.

Dazwischen saßen Elias und Alma.

Seit beinahe fünfzig Jahren gehörte ihnen die kleine Werkstatt. Elias hatte dort Uhren geöffnet, gereinigt und repariert, lange bevor das erste silberne Haar in seinem Bart erschienen war. Alma war später hinzugekommen – zunächst nur für einen Nachmittag, dann für ein paar Tage und schließlich für ein ganzes Leben.

Früher hatte über der Tür ein blankes Messingschild gehangen, auf dem in kunstvollen Buchstaben zu lesen gewesen war:

Elias Morgenstern – Uhrmacher

Viele Jahre später hatte Elias darunter mit eigener Hand eine zweite Zeile eingraviert:

Alma Morgenstern – Hüterin der Zeit

„Uhrmacherin hätte vollkommen genügt“, hatte Alma damals gesagt.

„Nein“, hatte Elias geantwortet. „Uhrmacher gibt es viele. Aber nur eine einzige Hüterin der Zeit.“

Alma hatte die Augen verdreht.

Doch sie hatte darauf bestanden, dass das Schild blieb.

In dieser Nacht arbeiteten sie an einer Uhr, wie ihnen noch keine zuvor begegnet war.

Sie stand geöffnet zwischen ihnen auf dem runden Tisch. Ihr Gehäuse bestand aus dunklem Messing und war so groß, dass Elias beide Hände gebraucht hatte, um sie aus ihrer hölzernen Schatulle zu heben.

Doch im Inneren befand sich kein gewöhnliches Uhrwerk.

Unter dem aufgeklappten Deckel lag etwas, das wie ein Stück des Nachthimmels aussah. Winzige Sterne glitzerten darin, erschienen, verloschen und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Feine goldene Linien zogen sich zwischen ihnen hindurch, als hätte jemand die Wege längst vergangener Augenblicke dort eingezeichnet.

Das eigentliche Zifferblatt leuchtete in einem tiefen Blau.

Es besaß keine Zahlen.

Nur zwei kleine Birken waren darauf zu erkennen, und zwischen ihren Stämmen verlief ein hauchdünner Faden.

Alma beugte sich darüber und berührte ihn beinahe mit der Fingerspitze.

„Nicht“, sagte Elias.

Ihre Hand hielt inne.

„Warum?“

„Ick weeß es nicht.“

Nun sah Alma ihn an.

„Seit wann hält dich etwas davon ab, eine Uhr anzufassen, nur weil du nicht weißt, was geschieht?“

Elias strich sich durch den Bart.

„Seit Uhren damit angefangen haben, eenen eigenen Sternenhimmel mitzubringen.“

Alma lächelte.

Seit drei Nächten versuchten sie herauszufinden, welchem Zweck die Uhr diente.

Sie war ohne Absender vor ihrer Tür gestanden, eingewickelt in graues Leinen und verschnürt mit einer blauen Kordel. Es hatte keinen Brief gegeben, keinen Namen und keinen Hinweis darauf, wem sie gehörte.

Nur einen kleinen Anhänger aus Birkenrinde.

Auf ihm hatten vier Worte gestanden:

Wenn die Zeit bereit ist.

Elias hatte die Uhr zunächst nicht annehmen wollen.

„Eine Uhr ohne Besitzer bringt nichts als Ärger“, hatte er behauptet.

Alma hingegen hatte mit dem Finger über die eingeritzten Worte gestrichen und leise gesagt:

„Vielleicht besitzt nicht immer der Mensch die Uhr. Vielleicht besitzt manchmal die Uhr den Menschen.“

Darauf hatte Elias nichts erwidert.

Wenn Alma mit jener besonderen Stimme sprach, wusste er, dass Widerspruch zwecklos war. Dann lauschte sie bereits etwas, das er noch nicht hören konnte.

Also hatten sie die Uhr in die Werkstatt getragen.

Seitdem ließ sie beide nicht mehr los.

Sie hatten jede Schraube untersucht, jede Einfassung geprüft und selbst das Glas aus seiner Halterung genommen. Doch sie fanden weder eine beschädigte Feder noch ein fehlendes Zahnrad.

Trotzdem bewegten sich die Zeiger nicht.

„Vielleicht ist sie gar nicht kaputt“, sagte Alma.

Elias brummte. „Eine Uhr, die nicht läuft, hat einen Fehler.“

„Oder sie wartet.“

„Uhren warten nicht.“

Alma hob eine Augenbraue.

Rings um sie herum schienen Hunderte Zifferblätter Elias gleichzeitig anzusehen.

„Na schön“, murmelte er. „Manche vielleicht.“

In diesem Augenblick bewegte sich etwas über ihnen.

Ein leises Flügelschlagen glitt durch die Werkstatt.

Auf einem Ast der Birke, die seit vielen Jahren durch den Holzboden und hinauf bis unter das Dach wuchs, saß ein kleiner Vogel.

Niemand wusste, wie die Birke dorthin gelangt war.

Als Elias die Werkstatt vor langer Zeit übernommen hatte, war sie kaum mehr als ein dünner Trieb zwischen zwei Bodendielen gewesen. Er hatte sie entfernen wollen, doch Alma hatte sich schützend vor sie gestellt.

„Ein Baum, der sich ausgerechnet eine Uhrmacherwerkstatt zum Wachsen aussucht, wird seine Gründe haben“, hatte sie gesagt.

Inzwischen waren aus dem einen Stamm zwei geworden. Sie wanden sich nebeneinander empor, ohne das Dach zu beschädigen, und ihre Blätter blieben selbst im Winter grün.

Der Vogel in ihren Zweigen war blau.

Sein Gefieder schimmerte im Mondlicht, als bestünde es aus winzigen Fäden. Er neigte den Kopf und sah Alma an.

„Elias“, flüsterte sie.

„Ick sehe ihn.“

„Das ist einer von ihnen.“

„Von wem?“

„Von den Vögeln, die ich früher gehört habe.“

Elias blickte sie an.

Alma hatte ihm als junge Frau manchmal von einem geheimnisvollen Gesang erzählt. Er hatte ihr geglaubt, obwohl er selbst niemals etwas gehört hatte. Später waren die Stimmen seltener geworden, bis Alma viele Jahre nicht mehr davon gesprochen hatte.

Nun saß einer dieser Vögel in ihrer Werkstatt.

Er öffnete den Schnabel.

Sein Lied war leise und fremd, und dennoch kam Elias die Melodie seltsam vertraut vor. Als hätte jemand sie einst an seiner Wiege gesungen. Als hätte er sie sein ganzes Leben lang vergessen und in diesem Augenblick wiedererkannt.

Alma legte ihre Hand auf seine.

Das hatten sie im Laufe der Jahre unzählige Male getan. Aus Zuneigung, aus Trost, manchmal aus Sorge und gelegentlich auch, um den anderen davon abzuhalten, etwas ausgesprochen Dummes zu tun.

Doch diesmal geschah etwas anderes.

Der blaue Faden auf dem Zifferblatt begann sich zu bewegen.

Langsam löste er sich aus dem Inneren der Uhr, glitt über ihren Rand und kroch wie ein schmales Rinnsal aus Licht über den Tisch. Er wand sich zwischen den Werkzeugen hindurch, umspielte Almas Handgelenk und legte sich schließlich um ihre beiden Hände.

Er war weder kalt noch warm.

Und doch spürten Elias und Alma ihn bis tief in ihre Herzen.

Die Uhr begann zu leuchten.

Unter dem gläsernen Zifferblatt erschienen goldene Kreise, die sich ineinanderschoben und wieder voneinander lösten. Sterne zogen über den geöffneten Deckel. Manche verglühten, andere flammten so hell auf, dass ihr Licht die Gesichter der beiden alten Menschen berührte.

Dann verstummte die erste Uhr an der Wand.

Eine zweite folgte.

Schließlich hielten sämtliche Pendel in der Werkstatt inne. Die Zeiger blieben stehen, das Ticken erlosch, und eine Stille breitete sich aus, in der selbst der Atem der beiden wie ein fernes Flüstern klang.

Nur aus dem Inneren der geöffneten Uhr kam noch ein Geräusch.

Ein einzelner Herzschlag.

Dumpf.

Warm.

Lebendig.

Alma schloss die Augen.

Vor ihr erschien ein sonnenbeschienener Weg, an dessen Rand zwei junge Birken standen.

Ein zweiter Herzschlag folgte.

Elias sah einen Bahnsteig, eine davonfahrende Lokomotive und ein Mädchen, dessen Namen er damals noch nicht gekannt hatte.

Ein Lachen.

Ein Abschied.

Eine Hand, die nach einer anderen griff.

Ein Versprechen, das beinahe zu spät kam.

Elias sah Alma an.

In ihrem Gesicht lagen all die Jahre, die sie miteinander geteilt hatten. Jeder glückliche Tag, jeder Streit, jede Sorge und jedes Wiederfinden. Die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen – um ihre Augen, auf ihren Händen und in ihrem silbernen Haar.

Elias kannte jede dieser Spuren.

Und er liebte sie alle.

„Wohin führt der Faden?“, fragte Alma.

Elias betrachtete die Uhr, den blauen Vogel und die beiden Birken, die ihre Kronen nun langsam zueinander neigten.

Dann schloss er seine Hand fester um ihre.

„Ick gloobe“, sagte er leise, „er führt uns zurück zum Anfang.“

Das Herz der Uhr schlug ein drittes Mal.

Der Klang ließ die Fensterscheiben erzittern und fuhr wie eine sanfte Welle durch die Werkstatt. Das blaue Licht wurde heller, bis es die Wände, die Uhren und die beiden alten Menschen vollständig umgab.

Der Seelenvogel breitete seine Flügel aus.

Der Faden spannte sich.

Und in derselben frühen Stunde, in der draußen die Nacht endete, begannen Elias und Alma ihre Reise durch die längst vergangenen Morgen ihres Lebens.

Manchmal führt uns die Zeit nicht fort – sondern dorthin zurück, wo alles begann.