Cover des Märchens Das Herz, das schon wartete von Ashera Waverider

Das Herz, das schon wartete

Aus Kapitel: Das Herz, das schon wartete

Damals, als Ashera noch keine Kinder hatte, nannte niemand sie Mama.

Sie war einfach Ashera.

Eine Wanderin zwischen den Wäldern von Elyrien, den stillen Wassern von Lymoria und den goldenen Pfaden Askuriens. Sie trug noch keine kleinen Hände in ihren eigenen, hörte noch kein Lachen hinter sich herlaufen und kannte noch nicht das Gefühl, wenn ein Kind den Namen „Mama“ sagt und damit eine ganze Welt verändert.

Doch in ihrem Herzen war schon Platz.

Nicht leerer Platz.

Wartender Platz.

Ein Raum aus Wärme, Hoffnung und jener seltsamen Liebe, die manchmal da ist, lange bevor man weiß, wem sie einmal gehören wird.

An einem Abend, als die Sonne wie flüssiges Gold hinter den Hügeln versank, saß Ashera am Ufer des Sees von Lymoria.

Das Wasser lag still vor ihr, so still, als hätte die Welt für einen Augenblick aufgehört zu atmen. Nur hin und wieder zog ein leiser Wind über die Oberfläche und malte kleine Kreise hinein, die kamen, zitterten und wieder verschwanden.

Ashera hatte die Knie an sich gezogen und die Arme darumgelegt. Ihr Blick ruhte auf dem See, doch eigentlich sah sie viel weiter.

Weiter als das Wasser.

Weiter als die Wälder.

Vielleicht sogar weiter als ihr eigenes Leben.

„Wozu wandere ich eigentlich?“, flüsterte sie.

Der See antwortete nicht.

Er war klug genug, nicht sofort zu antworten.

Manche Fragen brauchen Stille, ehe sie sich selbst verstehen.

Ashera senkte den Blick auf ihre Hände. Es waren Hände, die vieles konnten. Sie konnten Feuer entzünden, Brot teilen, Wunden verbinden und Tränen fortstreichen. Sie konnten Türen öffnen, Blumen pflanzen und müde Herzen halten.

Und doch fühlten sie sich an diesem Abend merkwürdig unbenutzt an.

Nicht leer.

Aber wartend.

So wie ihr Herz.

„Ich habe so viel Liebe in mir“, sagte sie leise. „Aber wohin damit?“

Da bewegte sich das Wasser.

Nicht stark. Nicht bedrohlich. Nur ein sanftes Leuchten glitt über den See, als hätte jemand unter der Oberfläche eine Kerze entzündet.

Ashera hob den Kopf.

Im Spiegel des Wassers sah sie nicht ihr Gesicht. Zumindest nicht nur. Sie sah Schatten, Formen, ein fernes Bild, das noch nicht ganz bereit war, sich zu zeigen.

Zwei kleine Lichtpunkte tanzten darin.

Einer warm und kupferrot wie ein Sonnenstrahl im Herbstlaub.

Der andere hell und golden wie Morgenlicht auf einer Blüte.

Ashera hielt den Atem an.

„Wer seid ihr?“

Die Lichtpunkte antworteten nicht mit Worten. Aber etwas in ihr zog sich zusammen und wurde gleichzeitig weit. So weit, dass es beinahe schmerzte.

Nicht vor Angst.

Vor Erkennen.

Als würde ihre Seele etwas wiederfinden, das sie noch nie besessen hatte.

Der Wind strich durch die Gräser am Ufer. Aus dem nahen Schilf stieg eine silberne Libelle empor und setzte sich auf einen Stein neben ihr. Ihre Flügel funkelten im letzten Licht des Tages.

Dann hörte Ashera eine Stimme.

Sie kam nicht aus dem Wald.

Nicht vom See.

Vielleicht kam sie aus ihr selbst.

„Nicht alles, was zu dir gehört, ist schon bei dir.“

Ashera sah auf.

„Dann muss ich es suchen?“

Der See schimmerte.

„Nein“, flüsterte die Stimme. „Du musst dich auf den Weg machen. Finden wird dich, was dein Herz längst gerufen hat.“

Lange blieb Ashera sitzen.

Die Nacht legte sich weich über Lymoria. Sterne erwachten über ihr, einer nach dem anderen, als würden kleine Laternen am Himmel entzündet. Und mit jedem Stern wurde die Unruhe in ihr nicht kleiner, aber klarer.

Sie hatte geglaubt, ihr Leben sei eine Wanderung ohne Ziel.

Nun verstand sie: Vielleicht war jede Wanderung nur eine Vorbereitung gewesen.

Jeder Wald.

Jeder Schmerz.

Jede Freude.

Jede verlorene Hoffnung.

Jeder neue Morgen.

Alles hatte ihr Herz geformt, damit es groß genug wurde für etwas, das noch kommen sollte.

Für zwei Stimmen, die sie noch nicht kannte.

Für zwei Hände, die sie noch nicht hielt.

Für zwei Kinder, die irgendwo in der weiten Welt Askuriens vielleicht ebenfalls auf etwas warteten, ohne zu wissen, worauf.

Ashera stand langsam auf.

Der Sand unter ihren Füßen war kühl. Der See lag wieder still da, doch in seiner Tiefe glomm noch ein schwaches Licht.

Sie wischte sich über die Augen, obwohl sie nicht genau wusste, ob dort Tränen waren oder nur Mondschein.

Dann lächelte sie.

Nicht breit.

Nicht sicher.

Aber echt.

„Dann gehe ich“, sagte sie.

Und zum ersten Mal klang dieser Satz nicht wie Abschied.

Sondern wie Anfang.

Ashera nahm ihren Mantel, band ihn fester um die Schultern und trat vom Ufer fort. Hinter ihr blieb der See von Lymoria zurück, still und wissend. Vor ihr öffnete sich der Pfad nach Elyrien, dunkel zwischen den Bäumen und doch von einem seltsamen silbernen Schimmer durchzogen.

Sie wusste nicht, wohin er führte.

Sie wusste nicht, wen sie finden würde.

Aber tief in ihrem Herzen, dort, wo der wartende Platz gewesen war, begann etwas zu leuchten.
Und irgendwo, weit entfernt, lachte ein Kind im Traum.
Vielleicht waren es auch zwei.