
Das Café der verlorenen Dinge
Aus Kapitel: Die Uhr, die rückwärts tickte
Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben wie ungeduldige Finger, die ein Geheimnis lüften wollten. Im Café Momente war es warm – nach Zimt, Kaffee und Vanille duftend – und draußen war die Welt in Grau getaucht. Chrisyi saß auf dem runden Fensterplatz, eingekuschelt in eine bunte Decke, und malte eine Uhr mit Flügeln in ihr Skizzenbuch.
Chrissii hingegen werkelte an einem kleinen Gerät mit blinkenden Lämpchen und summenden Kabeln. „Wenn ich das richtig programmiere, kann ich die Bewegung von Dingen verfolgen, die eigentlich nicht mehr da sind“, murmelte sie.
„Du meinst verlorene Dinge?“ fragte Chrisyi mit leuchtenden Augen.
„Genau. Oder Dinge, die… zurückkehren wollen.“
Ashera stand derweil hinter dem Tresen und rührte liebevoll in einem Topf heiße Schokolade. Ihr Blick glitt wie so oft zur hinteren Ecke, dorthin, wo das Regal der verlorenen Dinge leise im Halbdunkel glänzte. Etwas an diesem Nachmittag war anders. Die Luft flirrte. Das Licht zitterte.
Und dann – ein leises „Klick“.
Ein Fach im Regal sprang auf, als hätte es sich selbst geöffnet. Chrissii und Chrisyi hielten inne. In der kleinen Nische lag eine goldene Taschenuhr, fein graviert mit winzigen Zeichen, die aussahen wie tanzende Sternschnuppen. Sie tickte. Aber rückwärts.
„Das ist kein Zufall“, murmelte Ashera, während sie nähertrat. „Diese Uhr gehört jemandem, der etwas vergessen hat. Vielleicht… sich selbst.“
„Oder uns“, flüsterte Chrisyi, und ihre Finger streiften das Metall.
In diesem Moment geschah etwas Seltsames. Die Uhr sprang auf – und aus ihrem Inneren stieg ein Lichtfaden auf, fein wie Spinnenseide, der sich durch den Raum, an der Wand entlang und aus dem Fenster hinaus in den Regen zog.
„Er zeigt uns den Weg“, sagte Chrissii entschlossen und schnappte sich ihre Jacke.
„Wohin?“ fragte Chrisyi.
„Zu dem, was verloren ging.“
Ashera blickte ihre Töchter an – die eine mit der Entschlossenheit in den Augen, die andere mit dem Staunen im Herzen – und lächelte. „Dann gehen wir.“
So begann ihre Reise durch eine regennasse Stadt, geführt von einer rückwärts tickenden Uhr und dem Flüstern von Dingen, die zurückkehren wollten.
Und sie ahnten noch nicht, dass sie in dieser Nacht nicht nur einem Fremden helfen würden, sondern ein Stück ihrer eigenen Geschichte wiederfänden – eine Geschichte, die sich wie die Uhr manchmal rückwärts drehen musste, um voranzukommen.
Manchmal muss sich eine Geschichte rückwärts drehen, um voranzukommen.